Constantin von Barloewen

Globalisierung und die Pluralität der Identitäten - Kultur als Erfordernis der "Realpolitik"

VOM Dialog der Kulturen ist dieser Tage die Rede, aber auch vom Ende einer Kultur, die sich monologisierend in die Lust einer globalisierten Welt hineinfantasierte. Weite Teile der Welt sind verelendet, ein Großteil der Erdbevölkerung bekommt nur die Schattenseiten einer solchen Lust zu spüren. Vielleicht ist es weniger die Besinnung auf die eigenen Wurzeln als vielmehr die trotzige Ahnung, es müsse noch anderes geben als die "Transformation des Durstes in ein Bedürfnis nach Coca-Cola", die dazu führt, dass dieser Tage vermehrt vom Kampf der Kulturen zu hören ist. Offen bleibt, ob wir der Einsicht folgen können, dass Kulturen ihre Stärke erst durch die Begegnung mit anderen Kulturen entfalten.

Constantin von Barloewen, Kulturanthropologe und Autor von "Der Mensch im Cyberspace" (München, Diederichs, 1998) hat dazu in Le Monde Diplomatique einen lesenswerten Artikel verfasst, in dem es zum Schluss heißt:

" Der Internationalismus der Weltwirtschaft kann auf Dauer nur Erfolg haben, wenn wir uns vertieft mit der Pluralität der Weltkulturen und der geschichtlichen Welten auseinander setzen in jener "absoluten Gegenwart", die sich nicht mehr auf einen Ort konzentriert, sondern auf eine Zeit, die uns alle verschlingt.

Das Jahrhundert muss erweisen, ob wir diese Aufgabe politisch bewältigen, ob wir die Einsicht umsetzen können, dass Kulturen ihre Individualität erst durch die Begegnung mit anderen Kulturen entfalten und gestalten können. So könnte sich eine Vorskizze einer Interkulturalität als realpolitische Friedenssicherung abzeichnen, letztlich Voraussetzung des Überlebens des Menschen.

Die Begegnung von Religionen und Kulturen ist im universalhistorischen Prozess kein neues Phänomen, auch nicht das Verhältnis von Technologie und Kultur. Dennoch verschärfen sich beide in der Weltzivilisation des neuen Jahrhunderts, stellen sich mit einer unabdingbaren politischen Dringlichkeit dar. Die Evolutionsgeschichte erlaubt den Ausblick auf eine Künftigkeit, da sich hinter allen Religionen und Kulturen letztlich eine menschliche Einheit verbirgt."