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Publikationsdatum: 2004-09-09

Kardinal Kasper: Religionen müssen sich vom Terrorismus distanzieren


MAILAND, 9. September 2004 (ZENIT.org) – Religionen müssen den Terroristen „die Maske vom Gesicht reißen“, erklärte Kardinal Walter Kasper bei einem interreligiösen Treffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Mailand. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen erklärte, dass religiöse Motive als „ideologische Maske“ für den Terrorismus genutzt würden. Das Thema seines Vortrages lautete: „Den Terrorismus entwaffnen: Eine Rolle für Gläubige“. Es sprachen außerdem Ahmad Al Tayyib, Rektor der Al-Azhar-Universität in Ägypten sowie Rabbi David Rosen vom Amerikanischen Jüdischen Komitee. „Terrorismus ist die neue Geißel der Menschheit und eine neue Herausforderung, der sich die gesamte Zivilisation stellen muss“, hielt der Kurienkardinal fest. Vor allem die drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – würden verdächtigt, dass sie intolerant seien und infolgedessen „zur Gewalt neigen, weil sie einen exklusiven Glauben – tatsächlich oder so verstanden – an den einen Gott haben“. Im Kontext des Terrorismus würden „soziale, wirtschaftliche und politische Motive mit religiösen vermischt“, stellte Kardinal Kasper fest. „Religion dient oft als ideologischer Deckmantel und wird also instrumentalisiert.“ Man müsse sich fragen: „Stellen sich Religionsvertreter dieser Instrumentalisierung mit ausreichender Klarheit entgegen?“ Die drei erwähnten großen Religionsgemeinschaften könnten auf zentrale Stellen in ihren heiligen Schriften verweisen, wo jede Form der Gewalt und vor allem der Terrorismus absolut verboten werde. Alle drei enthalten außerdem die „Goldene Regel“, die festhält, dass man einem anderen nichts antun solle, was man selber nicht wünsche. „Sie verbieten Selbstmord“ und „schließen deswegen kategorisch Selbstmordangriffe aus“, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. „Nach den Grundsätzen des Korans darf ein Selbstmordattentäter nicht als Martyrer verehrt werden, sondern sollte als Mörder und Krimineller verurteilt werden.“
In der jüdisch-christlichen Tradition sei es die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die den Terrorismus ausschließe. „Terrorismus, als Negation der Würde des Menschen, ist gleichzeitig eine Beleidigung Gottes“, erklärte Kasper. „Die Rechtfertigung des Terrorismus im Namen Gottes ist der größtmögliche Missbrauch des Namens Gottes und die schwerwiegendste Blasphemie. Deswegen war es sehr positiv, dass beim Friedensgebet in Assisi alle Religionen in dieser Erklärung übereinstimmten“, stellte der Kardinal fest. „Wir können jedoch die Würde des Menschen und den Frieden nicht nur mit frommen Worten verteidigen, sondern müssen dies auch mit Taten tun.“ Die Religionsgemeinschaften müssten „aufwachen und ihre eigenen spirituellen Ressourcen des Widerstands gegen terroristische Gewalt aktivieren“, forderte er. Das beinhalte eine „klare und öffentliche Distanzierung vom Terrorismus“, etwas, das „viele konkret vom Islam erwarten“, sagte er. Außerdem müssten die Religionsgemeinschaften „den Terroristen die religiöse Maske vom Gesicht reißen, sie demaskieren und somit zeigen, wer sie wirklich sind, nämlich Nihilisten, die alle menschlichen Werte und Ideale verachten“, unterstrich der Kurienkardinal. Der „zutiefst nihilistische Charakter des Terrorismus“ könne nur durch die grundlegende Einstellung aller Religionen bezwungen werden, nämlich durch einen tiefen Respekt. Das beinhalte „einen selbstkritischen Blick auf seine eigene Geschichte“ und die Verkündigung von „Toleranz und Respekt für die Überzeugungen der anderen“ sowie „die konsequente Verurteilung jeder Form von Gewalt“. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus dürften jedoch nicht jene Mittel eingesetzt werden, die man eigentlich im Terrorismus bekämpfe, betonte Kardinal Kasper. „Grundlegende Menschenrechte können nicht außer Kraft gesetzt werden und das Instrument der Folter darf nicht verwendet werden“, sagte er. „Ein Präventivkrieg, der die Prinzipien eines gerechten Krieges aufhebt, darf nicht unternommen werden.” Auch „selektive Tötungen dürfen nicht begangen werden, ohne ein vorhergehendes gerechtes Gerichtsverfahren“. Kardinal Kasper betonte, es müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um die Bedingungen zu verändern, welche “die Ausbreitung des Terrorismus begünstigen und als Legitimierung verstanden werden könnten”, etwa soziale, wirtschaftliche und politische Ungerechtigkeit. „Nur durch den Dialog von Kulturen und Religionen kann der Zusammenprall der Zivilisationen vermieden werden“, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. An erster Stelle müsste hierbei der „Respekt für das gemeinsame Erbe aller Religionen“ stehen, der „niemals Synkretismus oder das Aufgeben der eigenen Identität“ bedeute.